Short Stories

Ehemalige stehen im Leben und berichten von ihrer Zeit nach dem Nelly.

Melina Klass - Abitur 2017

Für mich war schon lange klar, dass ich nach dem Abitur nicht direkt studieren wollte. Dabei ging es mir weniger um Unentschlossenheit zur Richtung des Studiums, sondern viel mehr darum erst mal eine Auszeit vom Lernen, Stress und durchstrukturierten Alltag zu haben.

Außerdem wollte ich unbedingt etwas von der Welt sehen. Also fing ich während den letzten Schulmonaten an mein Auslandsjahr zu planen und entschied mich für Lateinamerika. Warum Lateinamerika? Ich denke vor Allem weil ich etwas vollkommen anderes sehen wollen als Deutschland und Europa, ich wollte in Länder die nicht “westlich” sind. Außerdem gefiel mir das Bild das ich vom Lateinamerikanischem Lebensgefühl hatte und die Möglichkeit Spanisch zu lernen. Nach einiger Zeit hatte ich einige Monate durchgeplant, verschiedene Länder in Mittel- und Südamerika, Sprachschule und Freiwilligenarbeit in verschiedenen Bereichen. Der Beginn sollte in Costa Rica sein. Doch mit dem Buchen der verschiedenen Programme war die Planung noch nicht fertig.

Es gab noch viele Punkte zu erledigen: Flüge buchen, Auslandkrankenversicherung, Reisepass, Visa, Großeinkauf im Outdoorladen, Informationen über die Länder sammeln und so weiter. Im Nachhinein muss ich sagen, dass viel Stress gar nicht nötig gewesen wäre, aber das weiß man schließlich immer erst im Nachhinein. Kein Mensch läuft zum Beispiel im Regenwald mit langen Mückenschutzjacken oder überhaupt langen Klamotten rum, auch wenn einem das im Internet empfohlen wird. Nach 3-Wöchiger Europareise mit dem Zug und Überraschungs-Abschiedsparty ging es dann in die große weite Welt, zum ersten Mal raus aus Europa. Geplant waren zunächst zwei Monate in Costa Rica, einen Monat in der Hauptstadt wo ich eine Sprachschule besuchte und dann ein Monat Freiwiligenarbeit etwas außerhalb. Der erste Monate war super, ich mochte meine Gastfamilie, die Sprachschule, das Essen und die anderen Schüler. Am Wochenende machte ich mehrtägige Ausflüge mit den anderen Schülern, wir fuhren an die Karibikküste und sahen uns Vulkane an. Doch dann im zweiten Monat merkte ich schnell, dass nicht immer alles so ist wie man es sich von zuhause aus vorstellt. Ich war in einem kleinen Dorf in dem niemand Englisch sprach und den täglich nur ein Bus um 5 Uhr morgens verließ.

Es gab kaum Arbeit für mich und das was ich tat hatte für mich wenig mit Helfen zu tun. Statt wie es ausgeschrieben an einem “Community-Projekt” teilzunehmen putzte ich die Küche der einzigen Herberge dort, in der ich die ganze Zeit über keinen einzigen Gast sah. Mit meiner Gastfamilie konnte ich mich kaum unterhalten, da nach einem Monat mein Spanisch einfach nicht reichte. Nach 13 Uhr war ich fertig mit der Arbeit, ohne eine Möglichkeit das Dorf zu verlassen oder mit irgendjemandem zu reden war mir sehr langweilig und ich fühlte mich sehr allein. Währenddessen machte mein Freund sein Auslandsjahr auf Hawaii, von vornerein hatte ich geplant ich ihn nach Costa Rica zu besuchen und dann weiter nach Panama zu fliegen. Aber während meiner schlechten Erfahrung während der Freiwilligenarbeit änderte ich diesen Plan, ich verlängerte meinen Hawaii Aufenthalt und sagte Panama ab. Nie war ich so glücklich gewesen am Flughafen eine vertraute Person zu sehen.

Auf Hawaii lernte ich wieder die positiven Seiten des Reisens kennen und verliebte mich in diese Insel. Auch fasste ich einen neuen Entschluss: Ich würde nach einigen Wochen nachhause fliegen und von dort zusammen nach zwei Monaten mit meinem Freund gemeinsam meine Reise in Peru fortsetzten.  Ich freute mich auf Zuhause und die spätere gemeinsame Reise mit meinem Freund, aber hatte doch auch ein schlechtes Gewissen, schließlich hatte ich bereits bezahlte Flüge und Programme storniert. In Peru dann war alles anders, die Freiwilligenarbeit im Regenwald machte Spaß, ich war dabei nicht alleine und mein Spanisch war auch schon etwas besser. Wir arbeiteten in einer Tier-Auffangstation mitten im Amazonas-Regenwald. Es gab unter Anderem Affen und ein Faultier, die alle frei herumliefen. Als die Freiwilligenarbeit beendet war reisten wir noch für 1 ½ Monate durch Peru, Bolvien und Chile. Wir besuchten Machu Picchu, stiegen auf 5000m hohe Berge, rasten mit einem Sandboard 100m hohe Dünen runter, sahen den Sternenhimmel in der Atacama-Wüste, bunte Lagunen und eine Salzwüste. Als die 3 Monate in Südamerika vorbei waren, wäre ich gerne noch länger geblieben und hätte noch weitere Länder erkundet. Jetzt bin ich seit einigen Monaten wieder zurück in Deutschland, arbeite (um Geld für die nächsten Reisen zu sparen) und freue mich aufs Studium, denn das Lernen und die Struktur des Alltages habe ich irgendwann doch zu vermissen begonnen.

Ich bin mir noch nicht sicher wo ich studieren werde, aber ich weiß, dass ich auf jeden Fall wieder irgendwann ins Ausland möchte. Vielleicht mache ich ein Auslandssemester, den Master später im Ausland oder reise für einige Monate nach oder zwischen dem Studium. Ich habe während dem letzten Jahr viel gelernt, auch in den schlechten Zeiten. Wenn ich mein Auslandsjahr noch einmal planen könnte, würde ich zwar vieles anders machen aber ich bereue die Entscheidung nicht direkt studiert zu haben nicht. Freiwilligenarbeit heißt nicht immer unbedingt anderen zu helfen, sondern vor allem für sich selber neue Erfahrungen zu sammeln, aber das ist auch okay finde ich. Genauso okay ist es seine Pläne zu ändern, ob es um Reisen, das Studium oder später den Beruf geht. Schließlich ist vieles nicht so wie man es sich vorher vorgestellt hat, aber es hilft auch niemandem in einer Situation zu bleiben, die einen unglücklich macht.

Eure Melina

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