Short Stories

Ehemalige stehen im Leben und berichten von ihrer Zeit nach dem Nelly.

Anna Körbes - Abitur 2017

Also habe ich zunächst ein Praktikum im Krankenhaus gemacht und parallel nach Ende der dortigen Frühschicht ein weiteres im Kindergarten absolviert, um mir meinen gerade erst kreierten Plan als Aupair in Island zu ermöglichen. Als ich also nach acht Stunden zwischen Blutdruckgeräten und darauffolgenden drei Stunden mit Kleinkindern jeden Abend wie tot ins Bett fiel, kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass der Schulalltag vielleicht doch ganz entspannt gewesen war. Nach einem weiteren Orientierungspraktikum in der Psychiatrie ging es nun endlich ein halbes Jahr nach Island. Dort wohnte ich auf einer Kuhfarm mitten im Nirgendwo, verbrachte meine Zeit zwischen Heuballen und Traktoren und wohnte bei einer traditionell isländischen Familie, die mich schon bald wie ein schon immer da gewesenenes Familienmitglied behandelten. Ich habe in diesen sechs Monaten nicht nur eine neue Sprache und Kultur kennengelernt, sondern auch unzählige Roadtrips zu heißen Quellen, Lagunen, Wasserfällen und Geysiren unternommen. Und da die Isländer keine Zukunftsängste zu kennen schienen, übernahm auch ich bald die positive Einstellung, als wäre alles andere vom immer peitschenden Wind wie weggeblasen.

Noch in Island bewarb ich mich für verschiedene Universitäten in Deutschland, um Psychologie zu studieren, was ich in meinem Praktikum in der Psychiatrie kennen und lieben gelernt hatte. An der menschlichen Psyche und dem Gehirn interessiert begann ich also im Oktober 2018 mein Psychologiestudium in Trier, zog in eine 5er Wg und lebte das klassische Studentenleben wie es in den amerikanischen Filmen gezeigt wird. Ich suchte mir einen neuen Handballverein und fing an, mich in Trier einzuleben. Meine anfängliche Ersti-Motivation und die in Island gelernte positive Lebenseinstellung wurden relativ schnell durch ein sehr statistiklastiges und rein theoretisches Studium gebremst und so kam es mir sehr gelegen, einen Nebenjob als Nachtdienst in der Jugendhilfe zu finden.

Sich jedoch als 20 Jährige unter rebellischen Jugendlichen eine Autorität zu verschaffen, die nicht nur fast gleichalt waren, sondern auch ein dutzend Mal so viel Mist im Leben erlebt hatten wie ich, war eine Aufgabe, die mich extrem forderte. Heute, 1 1/2 Jahre später kann ich sagen, dass es der Faktor in meinem Leben war, der mich am meisten geprägt und erwachsen hat werden lassen. Jede Woche 30 Stunden mit Kindern und Jugendlichen zu verbringen, die ihre eigene Geschichte haben, für die Vertrauen ein Fremdwort ist und die mit der Ideologie von Deutsch-Rap aufwachsen, dass Drogen sie an die Spitze führen werden und es keine Helden außer Gott gibt, lehrt einen die eigene kleine heile Welt zu schätzen und den in den Klausurenphasen aufkommenden Pessimismus zu verdrängen.

Und wenn man dann jede Nachtschicht von freudestrahlenden Gesichtern empfangen wird, die Kinder nach einiger Zeit zum zweiten Zuhause werden und man jeden Morgen nach Hause fährt mit dem Gedanken, auch ihre kleine Welt ein bisschen schöner gemacht zu haben, weiß man, wofür man unzählige Wutanfälle, knallende Türen, Angriffe mit Spiegelscherben und schlaflose Nächte in Kauf nimmt. Inzwischen bin ich 22 Jahre alt, in wenigen Monaten mit meinem Bachelor fertig, mitten in der Planung für meinen mehrmonatigen Aufenthalt in Kamerun ab September und immer noch nicht wirklich weiter mit der Frage, was beruflich aus mir einmal werden soll.

Damit hat sich zwischen dem Händedruck von Herrn Neumann 2017 und meinem heutigen Ich zukunftstechnisch gar nicht viel geändert und doch bin ich um Einiges weiter als ich es damals war: Denn ich bin mir inzwischen sicher, dass es gut werden wird, wo auch immer es hingeht. 

Viele Grüße, Anna Körbes

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