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Während meiner Schulzeit war mir immer klar: Ich möchte studieren. Zwar haben mir damals die Berufemesse am  Nelly-Sachs und auch das Programm von „Jugend Aktiv“ einige Anhaltspunkte geben können, aber so richtig überzeugt war ich nie. Nach dem Abitur stand ich also ohne Idee da, aber nun mit der Gewissheit, ich möchte auf eigenen Beinen stehen.

Mit einem gutem Abschlusszeugnis in der Hand und eher ein Allrounder, schienen mit die Möglichkeiten zu offen und ich wünschte mir ein wenig den Zeitgeist des Mittelalters zurück, in dem die Nachkommen wie selbstverständlich den Beruf der Eltern verfolgten. Die Berufswahl ist so wichtig, dachte ich mir. Wer ich sein möchte, wie ich sein möchte. All das sind maßgebende Schritte, die ich mit der Wahl einer Berufung tue, und welche mir sehr schwerwiegend erschienen.

Ich entschied mich meinem Idealbild einer starken, erfolgreichen Frau zu folgen und bewarb mich um einen Ausbildungsplatz zur Steuerfachangestellten bei einer international bedeutenden Firma, einer der Big Four, in Düsseldorf. Online Assessment Test, Telefoninterview, persönliches Gespräch in Hosenanzug. 2 ½ Jahre Ausbildung, nach dem ersten Jahr ein berufsbegleitendes Studium an der FOM in Düsseldorf. In wenigen Jahren zur Steuerberaterin. Wie kann man sich besser seiner Angst vor den erwachsenen Dingen wie Steuern und Rechtsstaat stellen, als darüber zu lernen und sie versuchen zu verstehen? Zudem bietet eine Ausbildung mit Vergütung die Chance auf Autonomie.
Ich fühlte mich beschwingt und erwachsen an meinem ersten Arbeitstag in Kostüm. Hier würde ich eine solide Grundlage für mein weiteres Leben schaffen. Ich zog von Zuhause aus, in meine erste eigene Wohnung in Erkrath, als würde ich damit meine Unabhängigkeit weiter untermalen können.
Ein Jahr lang habe ich dieses Unternehmen kennenlernen, wertschätzen, aber auch fürchten lernen dürfen. Ein harter Arbeitsalltag, Überstunden, Berufsschule und hohe Anforderungen im Betrieb öffneten mir die Augen, dass diese Form von Leistungsdruck in der Branche Gang und Gebe ist.
Es brauchte mich dem Rat eines Arztes, um zu verstehen, dies ist nicht meine Welt. Das bin nicht ich.
Ich kam eines Morgens nach anhaltenden Nackenschmerzen mit Herzrasen und Taubheitsgefühl in den Armen und Händen zu einem Arzt um die Ecke meines Büros, völlig aufgelöst. Dieser mir völlig unbekannte Mann hatte mit wenigen Blicken verstanden, was mir fehlte. Ich war belastet, unter zu viel Stress und nicht glücklich mit meiner derzeitigen Profession.
Im Nachhinein kann ich sagen, hier fasste ich die Entscheidung, nicht den Weg zu gehen, den ich mir zu Recht gelegt hatte. Ich wollte die Ausbildung beenden und danach vollzeitstudieren. Schließlich mache sich eine abgebrochene Ausbildung nicht gut auf dem Lebenslauf.

Ich war in Rom im selbstfinanzierten Urlaub, bewunderte die Kuppel der Cappella Sistina der Santa Maria Maggiore und mir wurde klar: Das liebe ich. Davon will ich mehr.
Wenig später reichte ich meine Kündigung ein.

Nun studiere ich seit dem Wintersemester 2017/18 Anglistik und Amerikanistik, sowie Kunstgeschichte an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf und fühle mich angekommen. Meine Leistungskurse zu Schulzeiten, Englisch und Kunst, erscheinen mir heute sehr sinnvoll und intuitiv gewählt, und vieles aus dem damaligen Unterricht kann ich im Studium sogar wieder anwenden. Meine Augen leuchten jedes Mal wenn ich in Methoden- und Formenlehre der spätantiken und mittelalterlichen Kunstgeschichte über mir noch unbekannte gotische Kathedralen und antike Sarkophage aus Byzanz lerne. Oder eine Skulptur, wie ich bereits in der Schule gelernt habe, dem Zeitalter des Barock zuordnen kann. Ich lerne sogar gerne(!) und besonders viel in meinem Kernfach, der Anglistik. Ich sitze in der Veranstaltung meines Lieblings-Dozenten und weiß, ich verschwende nicht meine Zeit. Denn ich erweitere mein Wissen mit etwas für mich Bedeutsamen und umgebe mich mit Menschen, die mich inspirieren.

Ich habe viel gelernt während diesem einen Jahr in Ausbildung (auch viele der profaneren Dinge, wie wichtige Emails verfassen, telefonieren und Organisation), so dass ich diese Entscheidung in keinem Moment bereue. Die Ausbildung hat mir viel ermöglicht und ich bin stolz, diese Zeit verbracht zu haben. Es ist ein tolles Gefühl, eine große Anschaffung wie die erste eigene Küche vollkommen alleine und nicht auf Raten zahlen zu können und sich selbst zu unterhalten.
Aber Ich war mutig: Ich habe einen bereits eingeschlagenen Weg überdacht, sogar abgebrochen und genau das gefunden, was ich liebe.

Und ich halte jeden von euch dazu an, genauso mutig zu sein. Die Welt hält so viele tolle Möglichkeiten, so viele unglaubliche Begegnungen für uns bereit. Egal, welchen Weg du gehst – vielleicht ist er nicht gepflastert, ein wenig holprig und biegt oft ab. Vielleicht befindet sich vor dir einmal eine Klippe in tosendes Meer:  Du wirst den richtigen, nämlich deinen Pfad immer finden.

Lucy-Melina Laschewski, Abitur 2016

 

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