Keine Handys, keine Betten, noch nicht mal Zelte: 40 Schüler verbrachten eine Nacht im Tannenbusch in Hängematten.
Was sie dabei über sich und die Natur lernten, ließ selbst den Waldpädagogen staunen.
Foto- und Textquelle: FRIEDERIKE HILGERS
DELHOVEN So ganz ohne Handy im Wald, dafür ausgerüstet mit Isomatte, Schlafsack, Proviant für den Abend und großer Abenteuerlust: Am Dienstagabend stand für rund 40 Jungen und Mädchen ein ganz besonderes Erlebnis auf dem Stundenplan. Jetzt, so kurz vor den Sommerferien, sollten die Mathehefte und Gedichtanalysen mal kurz in den Hintergrund treten. Stattdessen sollte es für die Jugendlichen darum gehen, die Natur zu erfahren und sich einer Herausforderung zu stellen.
Dafür machten sich am Dienstagmorgen 14- und 15-jährige Schüler vom Nelly-Sachs-Gymnasium in Neuss zu Fuß in den Tannenbusch. Dort wollten sie eine ganze Nacht im Wald verbringen. Nicht aber etwa in klassischen Zelten, sondern ein paar Meter über der Erde: Der Waldpädagoge Hermann Schmidt, der die Schüler bei ihrem Kurzzeitabenteuer betreute, hatte genug Hängematten und Baumzelte für die ganze Truppe mitgebracht. Das war natürlich insbesondere für die Jungs eine Einladung: „Die Hängematten, die ganz oben hängen, das sind die von pubertierenden Jungs mit reichlich Testosteron“, sagt Hermann Schmidt, während er zwischen den Hängematten durchgeht.
Keinesfalls sollte sich die Erfahrung im Wald für die Teenager nach Bootcamp oder Erziehungseinrichtung anfühlen. Der Fokus lag mehr auf der Selbsterfahrung und der Erfahrung der Natur und des Waldes. Der Ausflug fand im Rahmen der Projektwoche statt, in der sich die neunten Klassen mit dem Thema „Herausforderung“ beschäftigen wollten. Die ersten Herausforderungen warteten auf die Jugendlichen schon auf der rund 14 Kilometer langen Wanderung: „Ich bin schon mal mit meinen Eltern im Urlaub gewandert“, sagt Rebecca. Aber mit ihren Schulkameraden war die 15-Jährige auf so einer Tour noch nicht unterwegs.
„Klar, ein paar Füße waren dann später schon wund“, berichtet Julia Schlegl. Zusammen mit ihrer Kollegin Petra Lütke Brochtrup hatte sie sich mit den Kindern auf den Weg gemacht. Beide Lehrerinnen sind auch privat eher outdoor-affin und wollten den Kindern eine Erfahrung ermöglichen, die ihnen vor allem analoge Begegnungen und Wertschätzung für die Natur näherbringen. Deswegen sollten auch die Handys zu Hause bleiben: „So ganz ohne Handy haben sie sich sogar Spiele unterwegs einfallen lassen“, erzählt Schlegl.
Im Wald angekommen war die Überraschung bei einigen Schülern offenbar groß: „Ich hatte es mir ganz anders vorgestellt. Ich hatte eher so einen vorbereiteten Platz erwartet“, sagt Jasmin. Die 14-Jährige hatte sich auf die Wald-Herausforderung gefreut – im Vorfeld war trotzdem die ein oder andere Sorge gewachsen. „Vor allem vor Insekten“, sagt sie. „Aber dafür hat Hermann auch ein Werkzeug dabei, um Zecken zu entfernen“, ergänzt ihre Freundin Aliya beruhigend.
Die Insekten, die im Wald zu erwarten sind, waren laut Schmidt tatsächlich die häufigste Sorge unter den Jugendlichen. Daneben waren es vor allem Fragen nach der Toiletten-Situation, ob das Schlafen in einer Hängematte bequem ist und wie man sich denn den ganzen Abend im Wald beschäftigt.
Dafür hatte sich der Naturerlebnisgestalter Schmidt aber ein ursprünglich anmutendes Abendprogramm überlegt: In Gruppen gestalteten die Jugendlichen Kunstwerke aus natürlichen Materialien wie Stöcken, Blättern und Steinchen.
Bei der Vorstellung der Werke wurde es am frühen Abend dann beinahe poetisch: „Wir haben hier ein starkes Fundament gebaut“, erklärte einer der Jungen, „das symbolisiert, dass alles zusammenbricht, wenn einer wegfällt – wir zusammen aber alles schaffen können.“ Da kam dann selbst Hermann Schmidt ins Staunen – sein Wunsch, die Gruppe noch näher zusammenzubringen, schien sich noch vor Sonnenuntergang erfüllt zu haben.
Herausfordernd sollte dann im Verlauf des Abenteuers die lange Nacht und die Dunkelheit werden. Damit keiner Angst zu haben braucht, hatte sich die Gruppe vorher auf Nachtwachen geeignet. Jeweils für eine Stunde sollten die Schüler in Vierergruppen das Camp bewachen. „Heute Nacht habt ihr hier die Verantwortung, wir sind dann nur noch Notfall-Wachen“, erklärten die Lehrerinnen.
Rebecca, Jasmin und Aliya haben es dabei gut getroffen: Ihre Schicht war um Mitternacht schon vorbei, sie konnten sich dann in den Hängematten lang machen. Aber auch ihre Mitschüler haben jeweils gut aufeinander aufgepasst: „Etwas müde“, aber ziemlich zufrieden sind alle am Mittwochmorgen nach einer kurzen Nacht wieder aufgewacht. „Dafür hatten alle sicher ganz viel Spaß in der Nacht“, glaubt Schmidt. Nur die Erwachsenen fühlten sich ein bisschen gerädert.





